Für mich heißt Ägyptens Präsident Mohammed Mursi

Liebe Freunde, ich kann den Protest der jungen Ägypterin von heute verstehen. Es gibt nur einen demokratisch korrekt gewählten ägyptischen Präsidenten. Er heißt nicht Al Sisi, sondern Mohammed Mursi. Trotzdem ist es richtig, dass die Bundesregierung mit Al Sisi spricht. Höflich und klar. Nur so besteht die Chance, die grotesken Todesurteile gegen Mursi und tausende unschuldige Ägypter zu kippen. Die protokollarischen Ehren für Al Sisi allerdings sollten auf ein Minimum beschränkt werden.

Al Sisi verriet Mursi, der ihn zum Verteidigungsminister und Chef der Streitkräfte gemacht hatte. Al Sisi verriet die Revolution, die die Diktatur beenden wollte. Al Sisi verriet Gaza. In Rafah sperrte er das letzte Mauseloch zur Freiheit zu. Er ist ein schlimmer Feind Palästinas.

Nur die USA, Saudi-Arabien und Israel verriet er nicht. Weil er ihr Geld und ihre militärische Rückendeckung braucht. Die USA haben sich längst mit Al Sisi arrangiert. Was interessieren sie Demokratie und Rechtsstaat, wenn es um ihre Marionetten in der arabischen Welt geht? Es stört sie nicht, dass Al Sisi ein Schurke ist. Er ist ja ihr Schurke!

Al Sisi spielt das Spiel der Amerikaner, indem er die Muslimbruderschaft – seit Jahrzehnten Anwalt der Armen und Entrechteten – wider besseres Wissen als Terrororganisation diffamiert. Die Muslimbruderschaft distanziert sich, anders als Al Sisi, ausdrücklich von Gewalt. Das war eines der Markenzeichen Mursis. Der wahre Staatsterrorist Ägyptens ist Al Sisi selbst.

Am 11. Februar 2011, am Tag des Sturzes von Mubarak, stand ich auf dem Tahrirplatz in Kairo. In einem Meer jubelnder Ägypter. Die Menge stimmte die Nationalhymne an: “Biladi, biladi, biladi, laki hubbi wa- fu’adi – Mein Land, mein Land, mein Land. Dir gehört meine Liebe und mein Herz.” Wir waren alle tief bewegt. Heute sitzen viele der friedlichen Revolutionäre des 11. Februar im Gefängnis. Muslimbrüder und Säkularisten. Viele erwartet die Todesstrafe. Viele sind im Gefängnis zu Tode gefoltert worden. Was für eine Schande!

Die Revolutionäre des 11. Februar hatten nicht erkannt, dass sie mit Mubarak nur einen einzigen Mann gestürzt hatten, das System der Ausbeuter aber überlebt hatte. Sie wussten nicht, dass das ‘System’ – Militär und Justiz – von nun an jeden Schritt der Revolutionäre und der demokratisch gewählten Muslimbrüder sabotieren würde, um sie wieder los zu werden. Wie in der französischen Revolution. Wie in den meisten Revolutionen der Geschichte.

Mursi bekam vom ‘System’ nie eine echte Chance. Doch für viele Ägypter bleibt er der gewählte Präsident Ägyptens. Auch für mich. Obwohl ich als Christdemokrat nun mal kein Anhänger seiner Politik bin. Al Sisi aber wird scheitern. Wirtschaftlich und politisch. Verräter dieses Ausmaßes haben keine lange Lebensdauer.

Die Revolution aber wird weitergehen. Muslimbrüder und echte Demokraten lassen sich durch solche Rückschläge nicht unterkriegen. Die USA werden eines Tages feststellen, dass man zwar manche ägyptische Präsidenten kaufen kann, aber nicht das ägyptische Volk. Alles Gute, liebe Ägypter!

Euer JT